Selbstheilung - Selbstorganisation

 

Selbstheilung oder auch Selbstregulation läuft tagtäglich wie selbstverständlich in uns ab und erlangt erst dann unsere Beachtung, wenn sie nicht mehr funktioniert und wir chronisch krank werden.

Chronische Erkrankungen sind nicht monokausal; sie entwickeln sich meist schleichend als Folge eines multifaktoriellen Geschehens, bei dem viele Belastungen wie beispielsweise Stress, Toxine, Erreger, Störherde und anderes eine Rolle spielen können und die Selbstregulation beeinträchtigen.


Erstaunlicherweise hat sich die konventionelle Medizin, die immer noch einer monokausalen linearen Betrachtungsweise anhängt, bisher für die Frage, wie sich lebende offene Systeme, zu denen auch der Mensch gehört, organisieren und heilen, bisher noch nicht interessiert. Wer oder was steuert die hunderttausenden von chemischen Reaktionen, die in einer Zelle gleichzeitig pro Sekunde stattfinden? Wie laufen Heilungsvorgänge ab?


Basis der Heilungsforschung, einem interdisziplinären Forschungsthema von Natur- und Geisteswissenschaftlern, ist die sogenannte Selbstorganisation, die nicht nur in lebenden, sondern auch in unbelebten Systemen zu finden ist.


Um Selbstorganisationsprozesse zu verstehen, ist nach dem Physiker Karl Kratky eine Theorie komplexer Systeme erforderlich, die - neben der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik - als dritte wichtige Umwälzung in der modernen Physik gilt, die mit zu dem Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts beigetragen hat.

Komplexe Systeme sind demzufolge nicht linear - wie von der konventionellen Medizin angenommen -  sondern diskontinuierlich, rhythmisch und damit zirkulär organisiert, sie bilden Muster auf verschiedenen Energieniveaus, zwischen denen unter bestimmten Bedingungen Fluktuationen und Phasenübergänge stattfinden.


Am Beispiel des hochkohärenten Laserlichts hat der deutsche Physiker Herrmann Haken den Akt der Selbstorganisation komplexer Systeme sehr eindrucksvoll beschrieben, den Phasenübergang von Chaos zu Ordnung durch die Anregung einer Schwingung, also durch Phasenkopplung. Werden genügend Elektronen angeregt, kommt es zum Wettkampf der verstärkten Lichtwellen unterschiedlicher Wellenlänge. Die gewinnende Welle (sog. Ordnungsparameter, Ordner) prägt den anderen (sog. Individuelle Parameter) eine geordnete Bewegung auf und bringt sie dazu mitzuschwingen, mitzutanzen und phasengerecht Licht abzustrahlen. Dieses entspricht dem Konzept der zirkulären Kausalität: Die einzelnen Teile schaffen durch ihr Zusammenwirken den Ordner, die überlebende Lichtwelle, die umgekehrt die einzelnen Teile dominiert. Durch Energiezufuhr von außen (sog. Kontrollparameter) muss ständig ein bestimmter Prozentsatz der Elektronen der Atome im angeregten Zustand gehalten werden, sonst kommt keine ordnende kohärente Welle zustande, die Lichtausstrahlung wäre dann ungeordnet, chaotisch.


Ein aufregender Aspekt der modernen Physik besteht in der Erkenntnis, dass die Ordnungsparameter auch immateriell sein, sich also auf der Informationsebene und damit im geistigen Bereich bewegen können. Das Grundprinzip der Selbstorganisation gilt vermutlich für alle komplexen Systeme, für den Makrokosmos des Universums, den Mikrokosmos der Atome und für alle biologischen Systeme (Isomorphie-Prinzip (Gestaltgleichheit)).


In Humansystemen sind die Kontrollparameter jedoch nicht genau bekannt, sie liegen nach Haken im „Inneren“ des Systems oder werden von diesem erzeugt und Übergänge zwischen Ordnern entziehen sich meistens einer gezielten Manipulation der Parameter. Haken spricht in Humansystemen aufgrund ihrer komplexen Natur nicht von Phasenübergängen, sondern von Ordnungs-Ordnungsübergängen.

Holistische Heilverfahren, deren Ziel es ist, die Ordnung zu verbessern, geraten oft in die Kritik der konventionellen Medizin, weil eben gerade eine gezielte Manipulation im Sinne einer genau reproduzierbaren linearen Kausalkette nicht möglich ist. Wirkliche Heilung - nicht nur Symptombehandlung - ist offenbar nur über Reorganisation- initiierende Maßnahmen möglich, deren zirkulärer Ablauf individuell ist und damit nicht exakt vorhersagbar. Im Sinne der Selbstorganisationsforschung lösen heilungsfördernde Maßnahmen wie Akupunktur und Homöopathie im Organismus vermutlich Ordnungs-Ordnungsübergänge aus, mit Phasen kritischer Fluktuationen, die neue Ordner entstehen lassen und im Idealfall einen Zuwachs an Kohärenz erzeugen.


Als ein messbares Substrat für selbstorganisatorische Vorgänge können biophysikalische Felder dienen. So gehen Physiker wie Popp und Zhang davon aus, dass unsere Regulationsfähigkeit von der Kohärenz dieser schwach elektromagnetischen Felder abhängt. Kohärenz bedeutet Zusammenhang (lat. cohaerens = zusammenhängen) und beinhaltet einen hohen Ordnungsgrad, Effizienz und die Fähigkeit eines Systems, sich selbst zu reparieren. Nach Popp sind die Koordination und Regulation der vielfältigen parallel ablaufenden Zellstoffwechselvorgänge nur über solche Felder zu verstehen. Auch die Wirkung homöopathischer Potenzen wäre erklärbar, wenn man sie als Pendel oder Rhythmusgeber im elektromagnetischen Feld versteht, wo sie Resonanzeffekte auslösen. 

Kohärenz als Organisationsprinzip des menschlichen Organismus zeigt sich nicht nur durch das Weber-Fechner`sche Gesetz der Physiologie, sondern auch durch die Tatsache, dass alle Messwerte lebender biologischer Systeme im Idealfall nicht zufällig (Gauß-), sondern logarithmisch (Log-Normal) verteilt sind und damit einem multiplikativen Gestaltungsprinzip folgen, das charakteristisch ist für die gewachsenen Dinge der organischen Welt, im Gegensatz zum additiven Gestaltungsprinzip der anorganischen Welt. So sind auf der unten angefügten Abbildung Beispiele möglicher Verteilungsmuster der sogenannten Herzratenvariabiliät (HRV) zu sehen, einer Messung, die in meiner Praxis seit 11 Jahren routinemäßig bei Patienten durchgeführt wird. Die HRV ist ein weltweit etabliertes, validiertes Verfahren, das die dynamische, rhythmische Modulation des Herzschlags durch das autonome Nervensystem anschaulich zeigt. Die HRV bietet damit nicht nur Informationen über die Gesundheit des Herzens, sie stellt darüber hinaus ein „Fenster“ zum autonomen Nervensystem dar und damit zur Regulationsfähigkeit und dem Gesundheitszustand des jeweiligen Menschen.

Literatur

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